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Return of the Obra Dinn

So, liebe Leute.

Lucas Pope‘s Return of the Obra Dinn ist mein Spiel des Jahres. Ohne Zweifel. Ich behaupte einfach mal, dass die Leute, die diesen Blogbeitrag angeklickt haben, schon mindestens ungefähr wissen, um was für eine Art Spiel es sich handelt, aber für die Unwissenden unter euch fasse ich es einigermaßen kurz zusammen. Ohren auf.

Die Rückkehr der Obra Dinn beschreibt, Überraschung, die Rückkehr des Ostindienfahrers “Obra Dinn”, ein bewaffnetes Warenschiff von der Sorte, die üblicherweise den Weg zwischen Europa und Asien abfuhren. Die namensgebende Rückkehr ist keine erfreuliche, denn wie sich herausstellt, ist die gesamte Crew verschwunden, und nur die Leiche eines Seemanns liegt noch auf Deck. Natürlich lautet der erste Gedanke bei einer solchen Erkenntnis “Wer bezahlt nun den Salat?”, und entsprechend ist der Spieler als Dispacheur der East India Company, also quasi als Seefahrts-Versicherungsangestellter unterwegs, um zu klären, was genau auf diesem Schiff passiert ist.

“Wer bezahlt nun den Salat?”

Wie jeder joberfahrene Versicherungstyp hat dein Spielercharakter (der zufällig als Mann oder Frau festgelegt wird) die berufstypische Ausrüstung immer dabei: Ein mit Informationen über Schiff und Crew bestücktes Buch, sowie eine magische Taschenuhr, mit der man bei Untersuchung von totem Fleisch zum Zeitpunkt des Todes besagten Fleisches zurückreisen kann. Dort sieht der Spieler nach einem kurzen, aber sehr schön gemachten Audiolog einen Schnappschuss dieses exakten Momentes. Ob Selbstmord, Kopfschuss oder Ertrinken, wenn ein verstorbener Körper zur Verfügung steht, zeigt einem diese Uhr nicht nur den Tod des ehemaligen Besitzers, sondern auch alles, was sich in unmittelbarer Umgebung zugetragen hat. Und sie eröffnet die Perspektive auf weitere Überreste, falls sie in der Erinnerung des ersten Opfers eine Rolle spielen.

Obra Dinn Screenshot 1
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Mit dieser Ausrüstung liegt es nun am Spieler, in einer extrem stylischen 3D-Umgebung des Schiffes auszuknobeln, wann und in welchem Zusammenhang welcher Tote wie gestorben ist, wer dabei anwesend oder gegebenenfalls sogar Täter war, was auf der Obra Dinn letztendlich passiert ist, und ob es Überlebende gegeben haben könnte. Das Ganze gestaltet sich als eine auf dem Papier abstruse, aber im Spiel völlig selbstverständliche Mischung aus Sherlock Holmes, Sudoku, The Witness und diesen Kinder-Detektivbüchern, bei denen Knirps Timo ein Bild untersucht um das Detail zu finden, mit dem man den Fall lösen kann und du hast vermutlich schon keine Ahnung mehr, wovon ich hier rede.

Obra Dinn ist nicht einfach.

Hilfe gibt dir das Spiel nicht. Anfangs wirst du dir unglaublich dumm vorkommen, denn keiner der Charaktere (mit Ausnahme vielleicht der ersten Drei-ish) ist leicht herauszufinden. Es gibt sehr wenig Beispiele unter der Schiffsbesatzung, die man innerhalb einer Szene tatsächlich komplett enträtseln kann. In der großen Mehrheit der Fälle musst du nicht nur über mehrere Szenen dem Verlauf einer Person folgen, verstehen, was los ist, verstehen, was für Pläne oder Ziele die Person haben könnte, und welche anderen Personen gewisse Identitäten ausschließen.

Ich würde gern sagen, es klinge komplizierter, als es eigentlich ist, aber das tut es nicht. Teilweise brauchst du einen winzigen Hinweis aus einer Umgebung, in der ein gesuchter Charakter nicht einmal vorkommt, musst diese gewonnene Info nutzen, um andere Besatzungsmitglieder aufgrund ihrer Aktionen, ihrem zeitigen Auftreten oder ihrer Kleidung auszuschließen und puzzlest so über 12 Ecken eine neue Identität zusammen. Und fühlst dich mit jedem Mannschaftsteil unfassbar klug, weil dir zu jedem Zeitpunkt klar ist, wie gottverdammt schwierig dies war, und dass nie (oder fast nie) Glück oder gar reines Raten im Spiel ist.

Obra Dinn Screenshot 2
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Obra Dinn ist kein “Adventure”-Game, aber auch kein echtes “Puzzle”-Game. Es ist ein Spiel des Kombinierens, des methodischen Beobachtens und der Deduktion. Und damit steht es ziemlich allein auf weiter Flur. Und alleine mit diesem Gameplay-Loop wäre es schon sehr weit oben in meiner persönlichen Liste gelandet, da ich auf so Holmes-Blödsinn stehe, seitdem ich meinen ersten YPS-Detektivausweis besessen habe.

Aber. ABER. Das ist eben bei weitem nicht alles, was Return of the Obra Dinn richtig macht. An allererster Stelle: Die Tonuntermalung. Die eingesprochene Synchro ist sehr gut bis großartig, aber ganz vorn steht die Musik. Extrem basslastig, extrem seefahrerisch und oh, so ohrwurmig. Durch den eigentlich einfachen Trick, dass die Musik nur einsetzt, während man zum ersten Mal eine jeweils neue Todesszene sieht, verwandelt sie sich auch von einem ständigen Begleiter zu einer Belohnung. Nicht nur, weil sie wirklich extrem gut ist, sondern auch und vor allem, weil sie durch perfektes Timing und nahezu unheimlich passende Auswahl jede dieser Szenen ungemein aufwertet.

So wird ein in der Zeit eingefrorener Moment zu einem begehbaren, kleinen und vergänglichen Meisterwerk, in dem der Spieler zwar eine Situation erkennen, Zusammenhänge erahnen und die Erforschung dieser Szene planen kann, aber die Laufzeit des Tracks erst einmal mit offenem Mund und Staunen vergeudet. Und das ist okay. Das möchte das Spiel. Nach diesem ersten Besuch hast du genügend Zeit, die Szene erneut zu untersuchen – diesmal konzentriert und ohne Musik.

Zweidimensionales 3D

Ebenso beeindruckend, wenn auch auf völlig andere, fast diametral gegensätzlich angesiedelte Weise ist die Grafik des Spieles. Durch ein enorm aufwendiges Renderverfahren wird die komplette, dreidimensionale Spielwelt in einer Optik dargestellt, die alte 1-Bit-Grafiken zb. des ersten Macintosh-Rechners emuliert. Wenn du im Spiel still stehenbleibst, ist die Illusion einer Retro-2D-Grafik nahezu perfekt. Absolut glaubwürdiges Dithering, pixelige Linien und zwei Farben. Dass die Obra Dinn tatsächlich völlig dreidimensional begehbar ist, ist eigentlich heutzutage selbstverständlich, und ich kann mir sehr gut vorstellen dass gerade jüngere Spieler, die wirklich alte Rechner nicht miterlebt haben, den Zauber überhaupt nicht nachvollziehen können, den dieser Look mit sich bringt. Für einen Spiele-Opi wie mich ist es ein wenig, als würde man ein 2D-Spiel seiner Kindheit besuchen und plötzlich frei darin herumlaufen können.

Obra Dinn Screenshot 4
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Über die Story möchte ich lieber kein einziges Wort verlieren. Nix. Selbst das “Tutorial” werde ich nicht anfassen. Weil jeder Aha-Moment, jede Szene, jede neue Vignette überraschend ist. Beeindruckend. Erschreckend. Wunderschön. Aber vor allem überraschend. Und diese Überraschung möchte ich dir nicht nehmen.

Zusammenfassend, und das meine ich genau so, wie ich es sage: Wenn du Return of the Obra Dinn bisher noch nicht gespielt hast, spiele es. Warte, bis du Lust auf Denken und Chill und Ruhe hast, und gib dem Spiel die Zeit, die es braucht. Spar’s dir auf, für eine schöne Winternacht mit warmen Kakao und Keksen. Oder einen sommerlichen Sonntag Nachmittag. Völlig egal. Solange du mir den großen Gefallen tust, und das Spiel nicht weiter googlest, ein Let’s Play guckst oder dich anderweitig spoilerst, wird es auf dich warten.

Obra Dinn ist kein Adventure-Game, aber auch kein echtes Puzzle-Game. Es ist ein Spiel des Kombinierens, des methodischen Beobachtens und der Deduktion. Und damit steht es ziemlich allein auf weiter Flur. Klick um zu Tweeten

Fünf von fünf Sternen. Muss ich nicht mal drüber nachdenken.

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