Re:Creators

Nach einer sehr, SEHR langen Zeit ohne Animu hat mich die letzte Season wieder komplett in ihren Bann gezogen. Gefühlt gibt’s aktuell interessante Perspektiven und Ideen, die das Medium Anime lange nicht gesehen hat, während gleichzeitig ein niemals versiegender Strom an Isekai-Light-Novel-Adaptionen den Markt überfüllt.

 

Isekai / Wo kommen die alle her?

Isekai, das ist die Abbrevation aus “I” – 異, “anders” und “Sekai” 世界, “Welt”. Eine andere Welt, in die es den Protagonisten verschlägt.

In 99% aller Fälle, zumindest im aktuellen Anime-Leben, ist dies eine unglaublich vorhersehbare Story, bestehend aus den zwei scheinbar unbeweglichen Bausteinen “Charakter, in den sich ein Publikum zu 100% hineinversetzen kann” (wobei das Wort “Charakter” in den meisten Fällen mit “High-Schooler, so stereotyp wie auch cool, schlau und unfehlbar wie möglich” übersetzen lässt) und “Generische Fantasy-Welt eines typischen JRPGs”. Durch einen meist erst gar nicht großartig erklärten Zwischenfall landet ein Schüler unserer Welt in der seines Lieblings-MMOs, die nur er retten kann. Dieser bekommt im echten Leben zwar gar nichts auf die Kante, ist aber – wie es der Zufall will – ein Genie in “seinem” Rollenspiel und findet so seine Bestimmung. Das war anfangs nett, wurde aber mit jeder Neuinterpretation langweiliger – grundsätzlich deshalb, weil jegliche neue Version im Grunde das mittelprächtige, aber immens erfolgreiche Sword Art Online kopiert. Selbst Sword Art Online. Und das ist wohlwollend ignorant gegenüber der Tatsache, dass selbst SAO im Grunde eine Neuauflage von modernen Klassikern wie .hack darstellt.

Moderne Isekai sind Fluch und Segen gleichzeitig im heutigen Mainstream-Animemarkt; sie sind immens erfolgreich und lassen sich prima vermarkten, sind aber auch in der überwältigenden Mehrheit qualitativ unterdurchschnittlich und inhaltlich belanglos. Ihre Autoren sind in den seltensten Fällen erfahrene oder professionelle Storyboarder, sondern Hobby-Literaten – und vor allem Gamer – aus Japan, die auf entsprechenden Websites ihre eigenen Träume in Foren und Websites der Öffentlichkeit als Online-Novelle online stellen und, sollten sie erfolgreich sein, als Light Novel auf Papier eine Veröffentlichung finden. Diese Power-Fantasien und in Textform wiederum sind für Produktionsstudios nicht nur inhaltlich passend für ein Anime-Format, sondern auch günstiger und weniger aufwendig, als sich für eine neue Show um Writing, World-Building, Design und diverse andere Faktoren einer Serie zu kümmern. Durch diese Seiten ist die Masse an Isekai-thematisierten Novels in Japan immens gestiegen, und für die entstehende Spirale an Marktpositionen, kostengünstigem Einkauf für Veröffentlicher, hohem Absatz und daraus entstehender Anime/Mangaumsetzungen ist kein Ende in Sicht. Und durch diesen hohen Faktor an Light-Novel-Adaptionen schwankt die Qualität von Isekai enorm. Für jedes fantastische, einfallsreiche Story wie Konosuba im Bereich “Humor” oder Re:Zero im Bereich “Thriller” oder zumindest die ersten Staffeln des angesprochenen Sword Art Online im Bereich “solides Mittelmaß” schlagen sich unzählige, weitestgehend kreativitätsbefreite Serien um einen Platz an der Sonne.

 

Re:Creators / Meta-Kontext, die Serie

Re:Creators hat, trotz der Namensähnlichkeit mit zahlreichen anderen Produkten wie dem genannten Re:Zero, keinerlei Verwandschaft mit diesen Titeln vorzuzeigen. “Re” ist einfach ein (bei Käufern und damit auch bei Verkäufern) extrem beliebtes Präfix in der aktuellen Novel- und damit Anime-Landschaft.

Inhaltlich dreht Re:Creators das Isekai-Konzept fast wortwörtlich auf den Kopf. Nicht der Hauptcharakter landet in der virtuellen Welt, stattdessen tauchen Game-, Manga- und Novel-Charaktere in der realen Welt auf. Und niemand kann erklären, warum dem so ist.

Diese Prämisse allein klingt schon spannend, und man fragt sich, warum sie nicht schon viel früher aufgegriffen wurde, wirklich interessant ist aber, wie weit Re:Creators mit diesem Konzept bereit ist zu gehen. Doch fangen wir am Anfang an.

Souta Mizushino, seines Zeichens aufstrebender Hobby-Mangaka, findet sich durch ungeklärte Umstände plötzlich in einer von ihm geschauten Anime-Serie wieder. Inmitten einer Actionszene aus “Elemental Symphony of Vogelchevalier” verfolgt er, wie Hauptdarstellerin Selesia Upitiria in ihrem namengebenden Mech “Vogelchevalier” gegen einen unbekannten Gegner antritt – einen mysteriöse, uniformierte Dame mit offensichtlich magischen Fähigkeiten, die zwar cool aussieht, aber in diesem Anime eigentlich nichts zu suchen hat. Nach dieser eindrucksvollen, aber kurzen Kampfszene findet Souta sich wieder in seinem Zimmer wieder, aber nicht allein: Selesia ist ebenfalls am Start, und ist nicht weniger verwirrt und erschrocken wie Souta selbst. Ohne die weitere Story zu spoilern, dabei bleibt es nicht – nach und nach finden sich zahlreiche andere Charaktere aus verschiedensten Genres ein. Von Magical Girl bis Persona-Ripoff, von einem Standin für Berserk‘s Guts bis zum Cyberpunk-Revolverhelden werden ehemals imaginäre Charaktere in die unsere, tatsächliche Gegenwart gerissen, und es stellt sich bald heraus, dass dies keinesfalls ein Zufall ist. Einige finden sich auf Selesias, und damit Soutas Seite wieder, andere sammeln sich scheinbar um die unbekannte, uniformierte Kämpferin, dessen Herkunft verborgen bleibt.

 

Warum ist es toll?

So weit, so gut, so Anime. Die wirkliche Besonderheit der Serie ist weniger das trotz des albernen Storyauftakts ungewöhnliche und einfallsreiche Setting sondern vielmehr, wie einfallsreich, wie gut und wie mitreißend dieses Setting umgesetzt wird.

Zu sehr wenigen Gelegenheiten rutscht die Serie in Klischees ab. Die Welt reagiert untypsich real um die Invasion der Kunstcharaktere – ungläubig wird nach Erklärungen gesucht, nicht nur auf lokaler, sondern auf nationaler Ebene. Richtig meta wird es, wenn nicht nur die Regierung, sondern auch die Autoren, Entwickler und Schreiber der Charaktere die Bühne betreten:  Wie reagiert ein Spielehauptcharakter, wenn er seinen Erschaffer trifft? Ist dieser sein wohlwollender Gott, oder ist dieser der unbekannte Horror, der Leben gibt und nimmt, nur um zu belustigen? Wie reagiert eine Zeichnerin, wenn ihr Charakter plötzlich leibhaftig vor ihr steht? Und was kann von einer Landesregierung getan werden, um Menschen zu retten, wenn ein scheinbar übermächtiger, aber wahnsinniger Feind diese “Welt der Götter” auslöschen will und riesige Mechs im Vorbeigehen ganze Häuserzüge verwüsten?

Was passiert, wenn jedes fiktionale Werk allein durch seine Existenz ein eigenes Paralleluniversum begründen würde? Klick um zu Tweeten

So absurd die Prämisse ist, so pseudo-realistisch wird sie hier gezeichnet. Die Charaktere sind ausgearbeitet, jede Entwicklung und jede Aktion hat im Kontext Ursache und Sinn. Die Dynamiken zwischen den einzelnen Charakteren sind praktisch endlos, und ebenso interessant wie spannend. Nur sehr selten wird die Serie vorhersehbar oder gar langweilig, fast niemals versinkt sie in typischen Tropes – außer, es ist gewollt.

Ebenso ganz weit vorn: Die Action. Wenn Hauptcharaktere aus unterschiedlichsten Stories in einem gigantischen Crossover aufeinandertreffen, kann man von einigen coolen Kämpfen ausgehen. Was in Re:Creators aber an eindrucksvoll choreographierten, animierten und durchgestylten Kampfszenen abgefeiert wird, ist schlicht fantastisch.

Auch der Soundtrack, der sowohl die Action als auch die (überraschend zahlreichen) langsamen Storyszenen begleitet, passt sich dem Gesamtbild an: Auf dem ersten Blick Klischees feiernd, aber insgesamt überraschend, kraftvoll und mitreißend bildet er zusammen mit der guten bis erstaunlichen Animation von Re:Creators ein beeindruckendes audiovisuelles Gesamtbild.

Was zunächst nach einem actiongeladenen, aber vorhersehbaren Isekai-Abenteuer aussieht, entwickelt sich nicht nur überraschend, sondern geradezu erschreckend verblüffend in ein Action-Drama um die Auffassung von Menschlichkeit, den Umgang mit Übermenschlichkeit, die Angst um die eigene Fehlbarkeit und Versagen und verdammt fucking coole Kämpfe.

 

Falls ihr GEC per Referral unterstützen möchtet:
Re:Creators gibt’s aktuell bei Amazon

 

 

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Share via